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Psychose!
Er wartete noch, bis er die Sonne genau hinter sich
fühlte und sein Schatten einen dünnen Strich durch die Menge machte, dann sah
er hinunter auf die, die dort warteten. Sie hatten sich am Fuß der Pyramide
versammelt und von dort sah optisch alles so aus, als wäre sie eine Treppe in
den glühenden Himmelskörper. Jetzt breitete er seine Arme aus und rief mit
gewaltiger Stimme: „Seht in die Sonne! Erkennt ihr die Macht Gottes? Ich gehe
in sie hinein und wenn ich zurückgekommen bin, verkünde ich euch den Willen
des Sonnengottes.“ Darauf verschwand er für kurze Zeit, dies durfte aber
nicht zu lange dauern, er musste wieder zu ihnen sprechen, bevor die Sonne
weitergewandert war, oder besser gesagt, bevor die Erde sich weitergedreht
hatte, aber das wusste weder er, noch die Gläubigen da unten, die sich vor
Angst fast in ihre Lendenumhänge machten.
„Wissen ist Macht!“ – dachte er sich, als er ausrechnete,
an welchem Tag und zu welcher Stunde der Mond die Sonne verstecken würde. Und
genau für diesen Zeitpunkt musste er die Zeremonie bestellen, um dem Volk zu
zeigen, dass der Oberpriester göttlicher war, als der Pharao. Der Sohn Gottes
hatte es nämlich gewagt, Hand an den religiösen Orden zu legen, um dessen
Einfluss auf die Gläubigen zu schwächen. Und dafür sollte er nun bestraft
werden. Was aber dieser Gelehrte in seiner Allwissenheit auch im Geringsten
nicht ahnte, war, dass der Oberpriester nach Ablauf des Putsches ihn töten
lassen würde, damit er sein Geheimnis nicht würde ausplaudern können.
Schon beim Bau der Kirche hatte man daran gedacht, den
Eingang am westlichen Ende und die Sakristei gegenüber am östlichen Ende des
Kirchenschiffes anzulegen. Wenn am Sonntag zwischen 9 und 10 Uhr die Messe
stattfand, stand die Sonne, die alle im Gebäude blenden sollte, genau hinter
dem Priester, so dass er während der Predigt ruhig in der Nase hätte bohren
können, weil das sowieso keiner hätte sehen können. Schien die Sonne einmal
nicht, wurden in der Sakristei Tausend Kerzen angezündet, und weil in diesem
Ende der Kirche alles aus Gold und Silber oder wenigstens vergoldet war,
spiegelte sich das Licht so sehr, dass es sogar die Sonne ersetzte. Und um
die Horrorstimmung noch zu steigern, begann plötzlich hinter den Leuten die
Orgel ein ohrenbetäubendes Getön. Hatten die armen Gläubigen dies alles
überstanden, schrie der Priester aus voller Kehle, dass sie alle nur Sünder
sind, aber durch Zahlung einer Buße an die Kirche ihre Seele vor dem Teufel
retten können, der schon vor der Tür dieses Gebäudes auf sie warte.
Zehntausende warteten schon auf dem großen Platz, Fahnen
des Landes und der verschiedenen Verbände, die eingeladen worden waren, oder
an der Organisation der Veranstaltung mitgeholfen hatten, schmückten die
Tribüne und die Hauser um den Platz. Mit Fanfaren und Trompeten wird die
Ankunft des Führers angekündigt. Lauter Beifall lässt sich hören. Seine Rede
beginnt. Er preist den Krieg und ruft die Zuhörer auf, bestimmte Volksgruppen
zu hassen. Große Zustimmung und Applaus folgen seinen Worten.
Nie beantwortet er Fragen, aber hat ein Gefühl dafür, was
die Leute hören wollen und wohin sie sich führen lassen möchten. „Einzeln
sind wir besiegbar, aber zusammen sind wir stark!“ – lautet einer seiner
Leitsprüche, oder: „Wir sind alle gleich und haben das gleich Ziel!
Individualismus ist schlecht!“ Er erklärt, dass er sein Volk von der (nicht
existierenden) Unterdrückung befreien werde. Diese Erniedrigung komme von
außen, deshalb müssten alle ihm gehorchen, um nicht anderen gehorchen zu
müssen. Küsst seine Füße, denn sie stinken weniger, als die anderer!
Unterdrückt die Kleineren, denn sie können sich nicht wehren!
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Psychose!
Monday, 21 December 2015
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